Kursbuch 63   1981           

Spielregeln
 
Fritz Kramer, Irre Hunde / Tilman Spengler,
Des Lebens Lau / Akakij Akakijevicj, bic /
Irene Böhme, Abgegriffene Münzen /  Hans-Georg Behr,
Die ehrenwerte Gesellschaft /  Detlef Michel,
Laufbahnmaschen L. Herdt /G. Holl, Ein akademischer Salon der Siebziger /
Edgar Peinelt, Einrichtungs-
stile / Elisabeth Plessen, Spielkiste / M. Auwärter/
E. Kirsch, Kein Kinderspiel / Yvette Delsaut,
Die doppelte Hochzeit / Beatrix Campbell,
Mit dem Feind schlafen? / Claus-Heinrich Meyer,
Benimmdich / Brigitte Wormbs, Spielräume /
Mario Erdheim, Nach aller Regel
 
Kursbuch/ Rotbuch Verlag                                    8 Mark

 

 

 

 

 

 

 

Ludwig Herdt / Günter Holl

 

Ein akademischer Salon der Siebziger
 
Nichts! Nichts! und dafür habe ich zehn Jahre gearbeitet!

Balzac, Das ungekannte Meisterwerk

 

Die Beteiligten treffen im Abstand von wenigen Minuten in der mit Büchern und modernen Kunstwerken überfüllten Vierzimmerwohnung des privaten Dozenten und Gastgebers, Horst Meister, ein und begrüßen sich teils mit Handschlag und den üblichen Floskeln (»Wie gehts?«), teils wortlos mit Küssen auf Mund und/oder Wangen, je nach Intimitätsgrad. Der Hausherr führt seine Gäste nach ihrem Eintreffen an den vorbereiteten Sitzungstisch im Wohnzimmer und nimmt dann, nach ihrem vollzähligen Erscheinen, die offizielle Begrüßung vor.

HORST MEISTER: Guten Abend und herzlich willkommen zu unserer letzten Sitzung im alten Jahrzehnt. Ich freue mich sehr, Sie hier zu haben, und ich hoffe, heute wieder von Ihnen etwas lernen zu können. - Meine Frau läßt Sie grüßen; sie ist gewerkschaftlich verhindert. Auch Herrn Dr. Bingel habe ich zu entschuldigen, er trägt heute abend in Bielefeld vor. - Wenn Sie noch einen Augenblick Geduld haben, werde ich mich jetzt erst mal um die Getränke kümmern.

B & B: Rücken demonstrativ, flink, belustigt ihre Stühle dichter aneinander und küssen sich mehrfach im Staccato mit geschlossenen Lippen und Augen. Kleine Knall-Laute, die kaum von dem Schnappen des Feuerzeugs unterscheidbar sind, mit dem sich Götz eine Filter anzündet.

HORST MEISTER: Verharrt zunächst mit einem Weinkrug, Bierflaschen und mehreren Flaschen Apollinaris im Türrahmen. Zu Götz gewandt: Ach, rauchen Sie immer noch? Seitdem ich nicht mehr rauche und trinke, habe ich viel mehr Zeit für die Arbeit an meinem Buch. Hier, sehen Sie nur, diese zehn Seiten meines Interaktionskapitels habe ich an einem Wochenende geschrieben. Mein Hausarzt ist so ein lebenskluger älterer Mann. Der sagt, man braucht diese Dinge nur, wenn einem das Leben sonst nichts Interessantes zu bieten hat, aber wenn man älter wird, muß man doch lernen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Für die Arbeit an meinem Interaktionskapitel habe ich mich deshalb noch einmal tief in die Kirchenväter...

B & B: Kosen in der erwähnten Weise und kichern.

VON FELIX: Zieht die Hände zwischen den übereinandergeschlagenen Beinen hervor, räuspert sich nervös, so, als dränge sich ihm ein relevanter Einwurf auf, lehnt sich dann aber wieder zurück und atmet deutlich hörbar aus.

GÖTZ (zu Ettore, halblaut): Können die nicht mal mit ihrer Knutscherei aufhören?

ETTORE: Nö. Aber dieses sublimiert orale Zurschaustellen von Abhängigkeitsverhältnissen ist doch eindeutig regressiv. Wenn du das gruppendynamisch siehst, ist das keine befreiende Erotik, sondern reines Appetenzverhalten.

GRETE: Ja, du. Und halt das Propagieren von Besitzansprüchen. Ich meine, jeder soll ja machen, was er will, aber in einer Arbeitsgruppe find ich das nicht gut.

HORST MEISTER: Na, jetzt sagen Sie mal, Grete, ausgerechnet Sie wollen hier das Realitätsprinzip wieder einführen? Wozu haben wir denn dann die Väter der antiautoritären Bewegung gelesen?

GÖTZ: Ach, Lesen ist doch keine Möglichkeit mehr, was Neues zu erfahren oder das Verhalten zu ändern. Originalität ist doch höchst unwahrscheinlich, und schriftstellerische Sensibilität erhöht nur den Marktwert. Das ist aber auch alles. Man müßte wieder viel offener für die eigenen sinnlichen Erfahrungen und kreativen Möglichkeiten werden.

ETTORE: Ich will hier ja nichts über den bürgerlichen Geniebegriff sagen, aber...

GRETE: Hm, das geniale Rennpferd, Mann ohne Eigenschaften.

ETTORE:...aber im Spätkapitalismus ist doch die Sinnlichkeit nur die Distributionsbedingung für die Möglichkeit der universellen Warenzirkulation. Wenn Sinnlichkeit und Kreativität einander wieder wechselseitig durchdringen und transzendieren sollen...

GÖTZ: Aha, Genie und Orgasmus!

GRETE: Ja, was denn? Die meisten Genies konnten doch gar nicht. Das ist mir neulich auch in meiner Analyse wieder ganz deutlich geworden.

VON FELIX: Steht auf und geht zur Toilette.

GÖTZ: Und außerdem waren die meisten literarischen Größen, die immerfort heile Welt predigten, in ihrem Privatleben üble Schweine. Was ich da zum Beispiel über den Marx, den Freud oder den Adorno gehört habe...

ALLE DURCHEINANDER: Das ist doch kleinbürgerlich. - Trenn doch mal zwischen Vita und Werk. - Reiner Neid. Sie können einfach keine Größe ertragen. - Romantisches Gefasel. - Jedenfalls bleiben die Sachen groß, auch wenn die Typen kein richtiges Leben im falschen führen konnten.

HORST MEISTER: Meine Herrschaften, das ist ja absurd. Ich bitte Sie. Auf dieser Ebene kann ich nicht mehr mitdiskutieren.

B & B: Wenden sich ab und knabbern gemeinsam eine Salzstange.

ETTORE: Wollen wir nicht zum Thema kommen? Ich hatte den Eindruck, wir hätten uns das letzte Mal darauf geeinigt, daß wir uns heute darüber unterhalten sollten, wie wir diese verfestigten Gruppenstrukturen hier aufbrechen könnten.

B & B: Übrigens, wir sind in eine WG gezogen.

GÖTZ: Ist ja zum Kotzen.

VON FELIX: Kommt von der Toilette zurück und blättert, wieder auf seinem Stuhl, in einem von dort mitgebrachten Mickey-Mouse-Heftchen.

ETTORE: Vielleicht ist es tautologisch - oder vielleicht sogar intellektuelle Onanie -, wenn wir hier als Gruppe versuchen, unser Gruppenverhalten zum Gegenstand der Diskussion zu machen. Natürlich steckt in der Metakommunikation immer die Gefahr, daß man sich zu weit von seinen Erfahrungen entfernt und der Illusion aufsitzt, man könne das, was der einzelne im Kontext erfahren muß, einer abstrakten Lösung in einer synthetischen Sprache zuführen .

GRETE: Also weißt du, das ist doch reine Autoritätsfixierung. In der Mensa oder in der Kneipe redet ihr doch auch alle ganz anders. Und immer, wenn ihr hier beim Meister seid, verdrängt ihr eure wahren Bedürfnisse und rationalisiert wie die Weltmeister.

HORST MEISTER: Erlauben Sie mal. Was Ettore hier geäußert hat, stimmt auch mit dem überein, was sich mir in den letzten Sitzungen verstärkt aufgedrängt hat. Ich glaube, unsere Arbeit leidet darunter, daß wir das Affektive zu wenig bedacht haben und den Erkenntniswert des Kognitiven zu hoch veranschlagten, was zu einer Überfrachtung der Sprache führte; darin will ich Ihnen recht geben, Grete. Ich denke, wir sollten in Zukunft mehr Heidegger lesen, der hats in sich.

GÖTZ: Wovon man nicht sprechen kann, darüber sollte man schweigen.

HORST MEISTER: Ja, ja. Ich war kürzlich eine Woche im Sauerland und hatte auf langen, einsamen Spaziergängen drei tiefe Gedanken, die alle unaussprechlich waren. Ich kann Ihnen nur so viel verraten, daß die geistige Welt, wie sie sich dem Intellekt auf der Ebene der Sprachlosigkeit darstellt, wohl das ist, was Kant mit den Dingen an sich gemeint hat. Man sollte vielleicht meditieren oder ins Kloster gehen.

VON FELIX: Zieht versonnen mit dem Fingernagel die Lebenslinie in seiner linken Handfläche nach.

B & B: Gibts bald was zu essen?

GRETE: Laßt doch den Meister erst mal ausreden. Ich finde das unheimlich spannend, daß der endlich mal aus sich rausgeht und von sich redet, obwohl ich das mit dem Heidegger Scheiße finde. Wozu brauchen wir denn diesen alten reaktionären Knacker, um uns über unsere individuellen, subjektiven Bedürfnisse klarzuwerden?

ETTORE: Hör mal. Es kann ja auch ein Bedürfnis sein, soviel über das eigene Bewußtsein und die eigene Existenz zu wissen, daß man der eigenen Bedürfnisse nicht mehr bewußt ist. Ich hoffe, du verstehst mich nicht falsch. Es ist doch so: Jeder verkauft hier seine eigenen Bedürfnisse und sein Bewußtsein, als wären es Markenartikel. Da, wo ihr glaubt, daß Kognitives und Affektives bei euch zusammenhängen, sitzt eine Werbeagentur. Die ganze Rederei über Individualismus und Subjektivität ist doch nichts als der Versuch, die Leere mit der Aura der Einmaligkeit zu umgeben.

HORST MEISTER: Vielleicht sollten wir das mal festhalten und uns jetzt erst einmal stärken. Das Rezept ist von meiner Großmutter.

GRETE (zu Ettore): Hast du das wirklich alles gelesen?

ETTORE: Ist doch egal, woher man's hat. Hast du Lust, nachher noch mit in den neuen Herzog-Film zu gehen?

GÖTZ: Du, Grete, wollten wir nicht später noch zu dem Italiener?

B & B: Morgen kriegen wir unsere Katze.

GRETE: Ich weiß echt noch nicht, ob das alles was bringt. Irgendwie find ich das irre komisch.

HORST MEISTER (aus der Küche): Sie können jetzt mit Ihren Tellern kommen.

GRETE (zu Götz): Du, warum siezt ihr euch eigentlich. Ich meine, ihr habt doch schon so viel zusammen gedacht.

GÖTZ: Wieso? Ich kann doch auch jemanden mögen, den ich sieze.

ETTORE: Siezte, siezte!

B & B: Füttern einander mit der Gulaschsuppe.

VON FELIX: Fängt an, sich mit einem Schweizer Offiziersmesser die Fingernägel zu säubern.

HORST MEISTER: Sehen Sie, so ist das in der kapitalistischen Gesellschaft. Je mehr einer hat, desto mehr kriegt er geschenkt. Perfide. Schenken als Investition. Ja, ja, wissen Sie, lieber Götz, ich bin jetzt Materialist. Und der Materialismus ist doch die Philosophie des Magens.

GOTZ: Hrn. Vielleicht sollte man eine Philosophie der Verdauungssäfte schreiben. Übrigens ist Strindberg an Magenkrebs gestorben.

GRETE: Ja, weil er nie die Frauen verstanden hat und nie mit ihnen zurechtkam. Der alte Chauvinist.

ETTORE: Strindberg hat mehr über die Frauen gesagt, als sie selbst von sich wissen.

B & B: Geht das schon wieder los?

GRETE: Halt mal, ich hab einen Vorschlag, wollen wir uns nicht alle duzen? Wir kennen uns doch schon ziemlich lange. Und irgendwie wär das doch ne Möglichkeit, sich hier ein bißchen lockerer einzubringen.

HORST MEISTER: Nun, Grete, dazu muß ich, als der Älteste in dieser Runde, Ihnen einmal etwas sagen. Man mag ja über die bürgerlichen Umgangsformen denken, wie man will, aber sie haben doch jedenfalls den Vorteil, daß sie den einzelnen davor schützen, der entsublimierten Öffentlichkeit ständig sein Innerstes preisgeben zu müssen. Um das Verletzlichste muß ein Zaun errichtet bleiben, durch den man zwar blicken, den man aber nicht

niedertrampeln darf. Es gibt ebenso ein sinnentleertes Du, wie es ein sinnentleertes Sie geben mag, würde man sich aber auf die Anrede allein versteifen, wäre das Nominalismus. Und außerdem steckt in den Höflichkeitsformen die Möglichkeit, mit Nähe und Ferne umzugehen, ohne den Anderen persönlich zu verletzen.

ETTORE: Hat nicht Lévi-Strauss gesagt, Kultur sei das Gefühl für die richtige Distanz?

GRETE: Jetzt dreh ich aber langsam durch. Was wollt ihr denn eigentlich? Ich dachte immer, unsere Emanzipation soll darauf rauslaufen, daß die Distanzen abgebaut werden, ob das nun die zwischen den je einzelnen, zwischen Oben und Unten, zwischen erster und dritter Welt oder die Aufhebung des Patriarchats ist - ich meine, wir leben doch entfremdet genug und gehen viel zu sehr auf Distanz. Da kann man doch nicht so verkürzt argumentieren.

GÖTZ: Na schön, aber wenn der Lévi-Strauss recht hat, dann sind doch diese ganzen äußeren Rituale der bürgerlichen Kultur und, mehr noch, auch die ganzen inneren Rituale der Alternativen oder der sogenannten Subkultur, die Geodäten, auf denen sich unsere Empfindungen, Verhaltensweisen und Gedanken bewegen, ohne daß wir irgendeinen direkten Einfluß darauf hätten. Und was heißt dann noch Emanzipation?

B & B: Entdecken weitere erogene Zonen.

VON FELIX: Holt aus seinem Parka, den er nicht ausgezogen hat, ein Etui mit Photographien und läßt sie sinnierend durch die Finger gleiten.

GRETE: Das krieg ich so nicht rein.

ETTORE: Dann sieh dir doch mal an, was alles kaputt ist. Wenn du bei der Sozialisation anfängst, dann wird dir klar, wie früh die Kinder angepaßt und verklemmt werden...

GRETE: Aber nicht in den Kinderläden!

ETTORE: Wenn ich dann höre, was der Meister sagt, denke ich, diese bürgerliche Distanz ist notwendig, damit sich nicht zwei krumm und zu Krüppeln Erzogene mit ihren ansozialisierten Neurosen zu nahe kommen -sonst knallts nämlich -, und das nennt man dann Ehe oder Primärbeziehung. Oder auch die Ablösung vom Elternhaus. In der Pubertät, wo die meisten Kämpfe um Nähe oder Ferne ausgetragen werden, versuchst du, dir ein Bild von dir selbst zu machen, und merkst nicht, daß Pinsel und Palette ausgeliehen sind. Du willst ganz nah an die Welt ran und merkst nicht, daß du dazu erst um dich herum einen Bretterzaun nageln mußt, der nur von außen bunt beklebt ist. Wenn du Pech hast, bohrt jemand ein Loch rein, sieht, daß es drinnen genau so fad und leer ist wie bei ihm - und schon seid ihr heillos verliebt.

HORST MEISTER: Also, Sie haben ja eine drollige Auffassung von der Liebe. Ein Loch in einem bunt beklebten Bretterzaun. Ich habe immer gedacht, Liebe sei keine Krankheit, sondern beruhe auf dem Fundament der Ichstärke zweier autonomer Individuen, die sich über die Welten hinweg verständigen und dadurch in ihrem Bewußtsein von sich selbst und von der Realität bereichern. Und das geht ja wohl nur auf der Grundlage von Bildung.

GOTZ: Kultur ist der Deckel überm Unrat.

ETTORE: Sei doch froh, sonst würde es ja stinken.

GRETE: Bei Beckett sitzen die Leute ja auch in Mülleimern.

VON FELIX: Reibt unentschlossen mit dem Daumen über die Beschriftung einer Valium-Packung und sieht dabei Ettore leidend/vorwurfsvoll an.

GÖTZ: Ja, aber der Beckett hatte wenigstens nicht die blödsinnige Illusion, für die Menschen schreiben zu wollen.

GRETE: Für wen denn sonst?

GÖTZ: Für die gestorbenen Götter.

B & B: Merken auf.

HORST MEISTER: Wissen Sie, Götz, Gott war schon so oft tot, wenn man da jedesmal zur Beerdigung gehen wollte .

GRETE: Das ist doch alles unkritisches, affirmatives Geschwätz. Was hat denn das alles konkret mit uns in unserer gesellschaftlichen Situation zu tun?

ETTORE: Willst du hier eine Realismusdebatte anzetteln?

GÖTZ: Hör doch auf mit den alten Hüten. Das Subjekt des Geschriebenen kann nicht das Individuum oder die Klasse oder sonst irgendeine leere Abstraktion sein. Es geht doch um das, was zwischen den Menschen passiert und worauf keiner von ihnen unmittelbaren Einfluß hat. Wenn alle Beziehungen institutionalisiert und verdinglicht sind, dann ist es doch pure Eitelkeit, Anbiederung und Heuchelei, so zu schreiben, als könne man sich noch an die kritische Instanz im einzelnen richten und ihn mit den eigenen hausgemachten Erklärungsritualen beglücken.

ETTORE: Literatur als Offenbarung ist ihr Offenbarungseid.

B & B: Von wem ist das?

HORST MEISTER: Erklären heißt, Erfahrungen beiseite schaffen .

GRETE: Mir reichts jetzt. Ich hab den Eindruck, hier werde ich völlig übergangen und beiseite geschafft. Euer Diskussionsstil in der letzten Stunde war wieder mal typisch. So völlig abgehoben. Da find ich mich halt nicht wieder. Hier läufts ja wie in einem Schmidt-Seminar.

VON FELIX: Nickt eifrig hinter vorgehaltenen Händen und reibt sich dann die Augen.

HORST MEISTER: Grete, ich verstehe ja Ihre Entrüstung. Aber es gibt doch in der philosophischen Tradition zumindest drei Erkenritnisquellen, nämlich Erfahrung, Vernunft und Offenbarung. Aber die bedeuten uns ja heute alle nichts mehr, weil wir durch die wissenschaftliche Arbeitsteilung nicht mehr das Ganze als das Wahre sehen können und damit über gar keinen verbindlichen Wahrheitsbegriff mehr verfügen. Dadurch ist Erklären nur noch destruktiv, oder bestenfalls leeres Ritual; es geht mit der einzelnen Erfahrung so respektlos um wie die Welt mit Menschen, die sich alle ausnahmslos duzen.

B & B: Schatz, ich liebe dich. - Ich hab dich auch lieb.

GRETE: Ich schnall das nicht. Ihr labert hier im Überbau rum, verbratet die abgehobensten Ideologien von gesellschaftlichen Formen und aufgesetzten Erkenntnissen, aber in der konkreten Situation seid ihr doch auch nicht in der Lage, unsere ureigensten Beziehungsprobleme anzugehen und hier mal offen zu diskutieren.

ETTORE: Ich war neulich in einem Goethe-Seminar, da wollte auch keiner über den Werther diskutieren, sondern nur über die eigenen Probleme. Wenn das so weitergeht, können die die Uni zumachen oder auf der Ebene von »Fragen Sie Frau Irene« organisieren.

GRETE: Du Arsch.

HORST MEISTER: Ich glaube, so kommen wir nicht weiter. Das Problem liegt doch darin...

GÖTZ: ... daß wir selbst das Problem sind.

HORST MEISTER: Bin ich meines Bruders Hüter?

RAINER ZUFALL: Klingelt zaghaft an der Haustüre.

HORST MEISTER: Götz, würden Sie mal nachsehen.

GÖTZ: Das ist bestimmt der Zufall.

RAINER ZUFALL: Na, ihr Täubchen, geht ihr mit in die Stubb, einen trinken?

GRETE: Nein, wir sitzen gerade an einem dicken Problem. Da müssen wir heute noch durch.

GOTZ: Ist doch sinnlos.

ETTORE: Die Stubb als Sinngebung des Sinnlosen.

B & B: Da ist es so laut und ungemütlich.

HORST MEISTER: Ich trinke ja sowieso nichts.

RAINER ZUFALL: Na gut, dann gehe ich eben alleine.

 

 nach oben

 zu Kursbuch 52

   zurück zur Startseite